Der Einfluss der Mappō-Lehre in der japanischen GeschichteH. Hiraizumi
MN 1:1 (1938) pp. 58–69
Über die zeitliche Einteilung der japanischen Geschichte hat es bis auf den heutigen Tag verschiedene Auffassungen gegeben. Die Gliederung in Altertum (古代), Frühzeit (上代), Mittelalter (中世), Neuzeit (近代) und Gegenwart (現代) scheint mir die beste zu sein. Die Wahl einer solchen Gliederung geschieht keineswegs aus rein praktischen Gründen, sondern auf Grund tiefgehender geistesgeschichtlicher Charakterzüge. Denn die Denkart der einzelnen Perioden, ihre Ideale und Wertauffassungen sind grundsätzlich voneinander verschieden, und gerade in dieser Rücksicht wurde die obige Gliederung gewählt.
Zunächst ein kurzer Überblick über die einzelnen Perioden. Das Altertum, die Zeit bis zur Regierung der Kaiserin Suiko (593 n. Chr.), ist im allgemeinen eine Kulturperiode rein japanischer Prägung, das Geistesleben ist noch frei von äusseren Einflüssen, die Möglichkeiten der späteren Entfaltung sind noch im Keime geborgen, kurz, es ist die Zeit vor aller Entfaltung und Entwicklung. Natürlich bestand auch in jener Zeit schon regelrechter Verkehr mit dem Ausland und infolgedessen auch Berührung mit fremdländischer Kultur, doch tatsächlich hat diese auf die rein japanische Kultur, auf das noch unberührte Geistesleben des japanischen Volkes nicht viel Einfluss ausgeübt. Jedoch schon gegen Ende dieser Periode, als fremdländische Kulturgüter immer stärker im Lande Eingang fanden, besonders auch seit dem Eindringen des Buddhismus, erhielt das geistig-kulturelle Leben Japans einen starken Anstoss, und von hier ab wird deutlich das Werden einer neuen Entfaltung erkennbar. Diese neue Periode, die mit der Zeit der Kaiserin Suiko beginnt, ist die Frühzeit und reicht bis zum sog. Hogen-Aufstand (保元の乱, 1156 n. Chr.). Das Charakteristische dieser Zeit ist die Übernahme chinesischer Kultur, ferner die Übernahme des indischen Buddhismus, und deren Japanisierung. Einer mehr inneren Betrachtungsweise zeigt sich als höchster Wertbegriff dieser Kulturperiode der Wert des Schönen (美), dem alles untergeordnet wird.

